02.06.10 | nokiland (195) Ausländerfeindlichkeit in der DDR

Themen | Alltag

Ausländerfeindlichkeit in der DDR

In den Medien ist bisweilen die Meinung zu hören, in der DDR wäre die Toleranz gegenüber Fremden gering und die auf Dauer oder Zeit lebenden ausländische Arbeitskräfte und Studierende wurden ausgegrenzt. Gern wird diese Unterstellung auch mit dem Umstand verknüpft, daß es in den neuen Bundesländern mehr Neonazis gibt.


Frauen im EAB
Frauen im EAB 
Foto:Peter Zimmermann / Bundesarchiv 

Erschreckend ist die fehlende Mitarbeit seitens der etablierten Medien zur Aufklärung. Im Gegenteil - alles was Quoten bringt, wird ausgestrahlt.

Ich lebte zwar nur 22 Jahre in der DDR, kann aber das meiste vieler Autoren weder nachvollziehen noch bejahen. Offenbar weckt bei einigen das Thema „DDR“ ihre Rudel-Instinke, man heult mit dem Leitwolf seine angestimmte Melodie.

Es ist richtig, dass es in der DDR viele Menschen aus vielen Ländern gab. Kubaner, Vietnamesen, Polen, Slowaken, Syrier, Russen und vieles mehr. Es ist auch richtig, dass der gewöhnliche DDR-Bürger kaum intensive Kontakte mit den aus anderen Ländern kommenden Menschen hatte. Und es ist richtig, dass der Staat im Falle von Besuchern aus Polen spezielle Verordnungen erlassen mußte.

Aber lasst und das mal Stück für Stück betrachten. Fangen wir mit den polnischen Nachbarn an. Polnische Bürger hatten die Reisefreiheit lange vor der DDR erlangt. Sie konnten zwischen Polen - DDR und BRD pendeln. So kauften sie beispielsweise in der BRD preiswerte Konsumgüter, verkauften sie in der DDR und kauften dort Produkte, die in der DDR erheblich billiger waren als in Polen. Was die Banane für die DDR, das war Schokolade für Polen. Die „DDR-Schlagersüß-Tafel“ - 0.80 Mark das Stück. In Polen war sie ein vielfaches teurer. Dank ihrer BRD-DDR Tauschgeschäfte sammelten die polnischen „Schwarzmarkt-Händler“ erhebliches Kapital an. Und das steckten sie in das „Schokoladen-Geschäft“. Wenn täglich 50 Polen je 100 Tafeln Schokoladen kauften, war der Konsum oder die HO leergekauft. Sie kamen wie die Heuschrecken. Auf der Jagd nach der „Schlagersüß-Tafel“. Das Handelsministerium der DDR mußte zwangsläufig die Verordnung herausgeben, dass Bürger aus Polen nur eine bestimmte Anzahl von Schokoladen kaufen können. Heute nennt man es „handelsübliche Menge“ und ist kein unbekannter Begriff. Wenn in der DDR der Staat diesen Begriff im Handel umsetze, wird es jedoch als Ausländerfeindlichkeit deklariert. Dem ist nicht so. Die Geschäfte der DDR waren kein Großhandel und konnten demzufolge auch keine Großhandelsmengen abgeben.

Ähnlich missverstanden wird auch der Punkt: „...intensive Kontakte mit den aus anderen Ländern kommenden Menschen...“. Ausländer in Deutschland werden oft hier geboren und durchlaufen die Stufen der „Integration“. Sie wohnen in der Nachbarswohnung, ihre Kinder gehen in die selbe Schule wie unsere Kinder und sie müssen sich integrieren, wenn sie hier leben wollen. Die ausländischen Menschen in der DDR waren aber keine Staatsbürger der DDR und hatten auch garnicht vor in der DDR zu leben. Es gab kein „Integrations-Grund“. Sie machten hier ihr Studium, ohne ein DDR Bürger werden zu wollen. Sie hatten einen Zeitarbeitsvertrag und nutzten die besseren Verdienstmöglichkeiten in der DDR. Integration war nicht ihr Ziel, sondern „Geld verdienen“. Wenn ich heute in Italien Medizin studiere, möchte ich auch kein Italiener werden. Wenn ich heute 5 Jahre in Alaska auf einer Bohrinsel lebe, will ich auch kein Inuit werden. Es ist grundsätzlich zu festzuhalten: Die ausländischen Besucher in der DDR wollten bei uns lediglich studieren und Geld verdienen, aber keinesfalls ihrer Kultur abschwören oder sich in die DDR integrieren.

Wer heute „Ausländer“ in Deutschland mit „Ausländer“ in der DDR gleichstellt, tut dies mit dem festen Vorsatz der Meinungsmanipulation. In der DDR gab es keine „Ausländer“. Es gab ausländische Studierende und Arbeiter. Sie blieben nicht in der DDR, sie wollten sich nicht integrieren, sie gingen wieder. Es waren Gastarbeiter und Gaststudenten. Und wie auch heute schotten sich in aller Welt Gastarbeiter oder Gaststudenten selbst ab. Oder suchen zumindest die Nähe zu ihren Landsleuten.

So ist es auch noch heute, 20 Jahre nach der Wende, bei den vietnamesischen Bürgern. Leipzig ist eine Hochburg der Vietnamesen. Im Haus gegenüber wohnen Vietnamesen. In der Klasse meines Sohnes gehen Vietnamesen zur Schule. Jeden Tag sehe ich Vietnamesen. Ich mag sie. sie sind friedlich, stets höfflich, nett, nie überheblich auch wenn sie einen dicken Benz fahren und ich nur ein Hyundai und haben immer ein Lächeln im Gesicht. Aber man kommt an sie nicht heran. SIE schotten sich ab. So auch zu DDR Zeiten. Ebenso die Kubaner. Für sie waren wir ein Konsum-Paradies. Aber hauptsächlich waren sie hier, um in Sachen Agrar-Wirtschaft etwas für ihr Land mitzunhmen. Sie wollten weder hier bleiben noch sich integrieren. Oder die Syrier. Die waren wegen der militärischen Ausbildung in der DDR. In Bad Doberan wurden sie zu Spitzen-Piloten ausgebildet. Die meisten wohnten in Leipzig, in Wohnheimen. Dank ihrer Dollars hatten sie in Leipzig ein gutes Leben. Und ich auch. Ich vermietete meine Wohnung für 20 Dollar an ein paar syrische Freunde. Die Wohnung kostete mich 23 DDR Mark. Die 20 Dollar waren aber über 600 DDR Mark wert. Ich machte ein gutes Geschäft, denn 600 Mark war damals gutes Geld, und meine syrischen Freunde hatten eine private Wohnung, wo sie die Sau raus lassen konnten.

Auch zu den Russen gibt es nichts Negatives aus meiner Sicht zu berichten. Jahrelang ging ich in Machern zur Schule. Jeden Tag 30 Minuten Fußmarsch zur Schule. Bei Regen, Hagel und sängender Hitze. Im benachbarten Polenz war eine „Russen-Kasserne“. Wenn auf der „Polenzer Straße“ die Russen-Laster entlang rauschten und ich meinen Finger raus hielt, hielt immer ein sowjetischer LKW an und nahm mich mit. Ich wurde in 3 Jahren weder verprügelt, misshandelt noch gefoltert von den „Russen“. Ich schaute immer hoch zu den Soldaten der Sowjetarmee. Sie waren Helden für mich und so benahmen sie sich auch. Sie sahen ein kleines Kind auf der verstaubten Landstraße und brachten es nach Hause. Ich hatte damals in der 4. Klasse noch keine Ahnung von Propaganda, Rotlicht oder Politik. Ich war einfach nur ein Kind. Ein Kind. Und als Kind hatte ich eine ehrliche Meinung. Die

Russen waren nicht schlecht. Die „Russen“ halfen mir.

So war generell die Situation zwischen DDR und ausländischen besuchern. Wir hatten keine Probleme mit unseren ausländischen Gästen. Warum nun heute gerade die Ossis prozentual die schlimmsten „Nazis“ sind? Wegen dem „Westen“! Der Westen hat da was losgetreten, das uns Ossis nun ewig verfolgt: November 1989 - Der Westen jubbelte jedem Ossi zu. „Wir sind ein Volk!“ wurde gerufen. Aber als dann unzählige Ossis in den Westen reisten, dort Arbeit haben wollten, wurden sie plötzlich zu einem Übel.

1945 hieß es noch: „Mama, die Russen kommen!!“. 1989 hieß es: „Mama, die Ossis kommen!!“.

Die „Ossis“ waren weniger „wert“ als Bürger aus der Türkei oder Italienen. Sie waren keine gleichwertigen Menschen mehr. Plötzlich waren die Ossis Personen 3. Klasse. Die Bürger der DDR - sie waren Bürger 3. Klasse. Was löst das in einem Menschen aus der Stolz hat, sich nicht als Abschaum empfindet? Die zig Millionen DDR-Bürger suchten eine Identität. Und leider war die nationalistische Schiene für viele ein Alleinstellungsmerkmal.

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nokiland ist Web-Designer und -Programmierer. Er arbeitet freiberuflich als Entwickler und Webmaster diverser Infotainment Webseiten.


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