15.11.10 | nokiland (195) DDR Rentner als Schwarzarbeiter im Westen

Themen | Arbeitsleben

DDR Rentner als Schwarzarbeiter im Westen

Wenn heute von der DDR die Rede ist, wird oft der eiserne Vorhang genannt und die Einsperrung der Bürger im eigenen Land. So dicht war der eiserne Vorhang in der DDR aber auch nicht. Bereits ein Jahr vor der Wende 1989 wurde das Reisegesetzt abgeändert und vor allem Westberlin mit billigen Putzfilfen aus der DDR versorgt.

Erich Honecker setzte 1988 eine Novellierung der „Verordnung über Reisen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland“ durch. Bekanntgegeben wurde diese am vom 30. November 1988 mit Inkraftsetzung zum 1. Januar 1989. Abgeändert wurden unter anderem Passagen zur „ständigen Ausreise“ aus der DDR. Diese Novellierung schuf erstmals einen Rechtsrahmen für Antragsteller, in welchem die bisherige Willkür der entscheidenden Organe stark eingeschränkt wurde. Eingang fanden feste Fristen für die Bearbeitung der Anträge sowie das Recht abgelehnter Antragsteller auf eine Gerichtliche Nachprüfung laut § 19. Die Genehmigungen sollten freizügiger von statten gehen, „wenn dadurch keine Beeinträchtigung gesellschaftlicher Interessen und die Rechte anderer Bürger hinsichtlich ihrer Lebensqualität, vor allem bei der Versorgung, Betreuung und Fürsorge, eintritt bzw. keine Nachteile für die Volkswirtschaft oder die öffentliche Ordnung zu erwarten sind.“. Aber auch die Beschränkung der Reisedauer auf 30 Tage im Jahr bei Personen im rentenfähigem Alter oder Invaliden wurde aufgehoben.

Die Aufhebung der Reisedauer hatte unerwartete oder vielleicht doch geplante Folgen. Viele DDR Rentner und Pensionäre nutzen die neuen Möglichkeiten zu häufigen Kurzbesuchen in West-Berlin um ihre Bezüge zu verbessern. Als Putzhilfen oder Aushilfskräfte zu beispielsweise 5 D-Mark Stundenlohn waren sie gern gesehene Besucher, vor allem in West-Berlin. Für die Rentner selbst war es eine gute Devisenquelle. 5 DM waren in der DDR auf dem Schwarzmarkt 30 bis 40 DDR-Mark wert, je nachdem wer Westgeld in welchen Mengen brauchte. Die DDR Führung profitierte in vielerlei Hinsicht doppelt und dreifach von der gelockerten Reiseverordnung vom 30. November 1988. Weil die DDR-Behörden jede Westreise zählen, bereichern die pensionierten Pendler die Statistik, ohne dass tatsächlich mehr DDR-Bürger fahren dürfen. Die Rentner als Schwarzarbeiter in Westberlin halfen weiterhin durch Einkäufe im Westen Versorgungslücken in der DDR zu verringern. Und letztendlich gelangten Devisen auf diesem Weg in die Haushaltskasse der DDR. Das Beste für die reiselustigen Rentner war aber der Umstand, dass ihr mit Schwarzarbeit in West-Berlin verdientes Geld kein Schwarzgeld in der DDR war. Es musste weder beim Finanzamt angegeben werden, noch gingen davon Beträge in irgendeiner Form weg.

Die Novellierung der „Verordnung über Reisen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland“ vom 30. November 1988 war auch in anderen Belangen der richtige Schritt der DDR-Führung zur Entspannung der gereizten Atmosphäre unter den DDR Bürgern. Leider kamen sie zu spät, oder die vom Volk eingeleitete Wende zu voreilig. Es wäre interessant zu spekulieren, wie die DDR sich dank Reformen entwickelt hätte und ob eine Übernahme der DDR durch die BRD wirklich nötig war. Selbst 20 Jahre nach der Wende sind viele ehemalige BRD als auch DDR Bürger nicht der Meinung, dass die Wiedervereinigung der einzige Weg zur „Rettung“ der DDR war.

DDR Rentner als Schwarzarbeiter im Westen Facebook

Über den Autor:
nokiland ist Web-Designer und -Programmierer. Er arbeitet freiberuflich als Entwickler und Webmaster diverser Infotainment Webseiten.


   Kommentare
Kommentar schreiben
noch 2000 Zeichen
senden


Der Kindergarten in der DDR
Die Themen "Kindergarten" und "Kindertagesstätte" (Kita) waren kein Thema in der DDR. Jeder konnte einen Kindergartenplatz bekommen und das kostenlos. Lediglich Essensgeld fiel in geringer Höhe an. Was aber war anders zu den heutigen Kitas?
Mehr »
Gab es eine Mangelwirtschaft in der DDR?
Die DDR war durchsetzt von einer Mangelwirtschaft, sagt man. Aber woran erkennt man eine Mangelwirtschaft und wo ist die Grenze zur heutigen Überflussgesellschaft?
Mehr »
Religion in der DDR
Der Ossi hat theoretisch ja nichts mit dem lieben Gott am Hut. Der "Gott" der Ossis ist Karl-Marx, glauben vielleicht einige und vielleicht war das damals vereinzelt auch so.
Mehr »


abgeändert antragsteller ausland berlin brd bürger bürgern ddr demokratischen deutschen führung mark novellierung november reisedauer reisen rentner republik verordnung vorhang wende west westberlin

Erinnern Sie sich an...

Heinz Quermann


Foto:Roger & Renate Rössing / Deutsche Fotothek 


Der DDR-Haushaltstipp

Likörflecke auf Samt: tränken Sie einen gleichfarbigen Stoff mit reinem Alkohol und reiben damit den Likörfleck weg. Wenn alles wieder trocken ist, bürsten Sie den Samt gegen den Strich.
 ... Mehr

DDR Personalaisweis

DDR Recht & Gesetz

Artikel 25
(1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das gleiche Recht auf Bildung. Die Bildungsstätten stehen jedermann offen. Das einheitliche sozialistische Bildungssystem gewährleistet jedem Bürger eine kontinuierliche sozialistische Erziehung, Bildung und Weiterbildung.
(2) Die Deutsche Demokratische Republik sichert das Voranschreiten des Volkes zur sozialistischen Gemeinschaft allseitig gebildeter und harmonisch entwickelter Menschen, die vom Geist des sozialistischen Patriotismus und Internationalismus durchdrungen sind und ...
 ... Mehr

DDR Lexikon

"Mach mit" Bewegung| ABC Zeitung| Abteilungsgewerkschaftsleitung| Action| Agitprop| Agrarflieger| AKA electric| Akademie der Landwirtschaftswissenschaften| Akademie der Wissenschaften der DDR| Aktendulli| Aktivist| Albazell| Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst| Altenburger| Altstoffsammlung| Aluchips| Amiga| Antifaschistischer Schutzwall| Arbeiter- und Bauerninspektion| Arbeiter-und-Bauern-Fakultät
 ... Mehr

Empfehlungen



Kleinanzeigen aus der DDR

Industrienähm., kompl. 1000,- und 2-Faden-Interlookmasch. 2000, verk.
Suche drg. ein od. zwei Scheiben Eisblumenglas 300x600 cm
W353, Bj. 73/81, Karosse neu, 14,5 TM verk.
Lada 2101. Bj. 80, m. Rostsch., div. Zubeh., für 14,5 TM.
 ... Mehr


GENEX Katalog

Preise in der DDR
Abkürzungen aus der DDR
Kleinanzeigen in der DDR
DDR Witze
VERO Katalog
Konsum Möbelkatalog 1962
Genex Katalog 1988 Zusatz
Genex Katalog 1989
Genex Katalog 1990

DDR Persönlichkeiten
Otto Gotsche
Heinz Eichler
Lothar Bisky
Kurt Hager
Hermann Abendroth
Alois Pisnik
Wolfgang Ullmann
Mehr »

Bilder aus der DDR
Mehr »




Copyright © 2010 - 2012 Alojado Publishing. Alle Rechte vorbehalten. Erzeugt 20.05.12 02:53:49 von www.aus-der-ddr.de
DDR; DDR-Lexikon; Musik, Bilder, Produkte & Kultur aus dem Osten; Geschichten aus dem Alltag; Politik & Staatswesen, Ostalgie, Historisches
Dialog schliessen Bitte geben Sie folgende Daten ein. Name Passwort Falsches Passwort für diesen Mitgliedsnamen. Passwort vergessen? Neu als Mitglied anmelden? absenden
Dialog schliessen Bitte geben Sie Ihre Daten ein. Ein Aktivierungslink wird Ihnen nach erfolgreicher Registrierung an die angegebene E-Mail-Adresse übermittelt. Benutzername Benutzername noch frei? Der Benutzername ist bereits vergeben oder enthält ungültige Zeichen Der Benutzername kann verwendet werden Die Abfrage ist momentan nicht möglich männlich weiblich Bitte geben Sie Ihr Geschlecht an E-Mail Adresse E-Mail wiederholen Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig Passwort Passwort wiederholen Bitte geben Sie ein Passwort ein Vorname Name Ihr Name und Wohnort werden nicht veröffentlicht PLZ Ort Geburtsdatum Bitte geben Sie Ihr Geburtsdatum ein Ich habe die Nutzungsbedigungen der Community gelesen und stimme diesen zu. Ich habe die Datenschutzerklärung der Community gelesen und stimme dieser zu. Ich möchte von über Neuigkeiten in der Community regelmäßig per E-Mail informiert werden. Bitte stimmen Sie den Nutzungsbedigungen zu. Bitte stimmen Sie der Datenschutzerklärung zu.
Nutzungsbedingungen Datenschutz Hilfe absenden
Dialog schliessen