26.06.10 | nokiland (195) Freie Berufswahl und garantierte Ausbildung für jeden Jugendlichen - das war auch DDR

Themen | Schule & Ausbildung

Freie Berufswahl und garantierte Ausbildung für jeden Jugendlichen - das war auch DDR

Ein oft bemühtes Vorurteil bescheinigt der DDR, dass eine aus der Diktatur resultierende Bevormundung eine persönliche Entwicklung des Einzelnen verhindert hätte. In einigen Köpfen schwirrt die Idee, in der ehemaligen DDR hätte es keine freie Berufswahl gegeben. Das entspricht natürlich nicht der Wahrheit. In der DDR hatte jeder Schüler die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden, was er einmal werden möchte, solange seine Schulnoten das rechtfertigten.


Wissenschaftlerin am Arbeitsplatz
Wissenschaftlerin am Arbeitsplatz 
Foto:RSM 

In einer Tageszeitung vom September 1989 fand ich eine Anzeige, die für sich spricht: Die deutsche Reichsbahn warb bei den zukünftigen Schulabgängern des Abschlußjahres 1990 für vielfältige Ausbildungsplätze. Die Tageszeitungen waren regelmäßig gefüllt mit Anzeigen der Betriebe. Mein Bruder entschied sich beispielsweise für den Beruf eines „Facharbeiter für EDV Technik“. Dieser Beruf entsprach in etwa der Aufgabenstellung eines „Programmierers“.

Ich wählte notgedrungen eine Ausbildung zum „Facharbeiter für Schweißtechnik“. Mit Sicherheit schwebte mir ein anderer Traumberuf vor. Ich wollte in die Forschung. Aber dazu fehlten mir die entsprechenden schulischen Noten. Während der Schulzeit interessierte mich sehr vieles, mein Wissenstand übertraf durchaus in Details den meiner Lehrer. Nur nutzte es mir am Ende nichts, dass ich den Lehrplan nicht befolgte.


Viele Betriebe warben für Ausbildungsplätze über Anzeigen in Zeitungen
Viele Betriebe warben für Ausbildungsplätze über Anzeigen in Zeitungen 
Foto:Maecker / RSM 

Aufgrund meines Faibles zum „Erfinden & Bauen“ sowie dem Umstand, dass der Marktführer für Eisenbahndrehkräne, VEB Kirow, ein Patenbetrieb unserer Schule war, stand die 2. Wahl „Facharbeiter für Schweißtechnik“ schnell fest. Die Ausbildung hatte etwas mit „bauen“ zu tun und war ein technischer Beruf.

Nach der Ausbildung sollte es für drei Jahre zur NVA als Unteroffizier gehen, anschließend über diesem Weg zur Uni. Ja, so war das. „Persönlich entwickeln“ konnte man sich in der DDR auch über Umwege, wenn die schulischen Leistungen für den geraden Weg nicht genügten. Man ging nicht immer drei Jahre lang zur NVA aufgrund einer sozialistischen Erziehung, sonder oft wegen verschiedener Vorteile. Ich weiß noch ganz genau, wie der Direktor der Betriebsberufsschule mich zu sich rief und mir wegen ein Problemen mit dem Lehrausbilder ins Gewissen redete. Wenn ich die Ausbildung mit gut (Note 2) abschließe und drei Jahre zur NVA gehe, kümmert er sich persönlich darum dass ich das Abitur nachmachen kann und auf die Uni komme.


Konstruckteur mit Rechenschieber
Konstruckteur mit Rechenschieber 
Foto:RSM 

Viele meiner Klassenkameraden gingen zum Abitur. Ein Freund machte seine Ausbildung zum orthopädischen Schuhmacher in der Firma seines Vaters. Eine damalige Freundin lernte in einer privaten Goldschmiede. Solange die Noten stimmten, durfte sich jeder für den Beruf seiner Wahl entscheiden. Natürlich konnte nicht jeder Raumfahrer werden, das ist klar. Die Angebote zur Ausbildung der Schüler waren durchaus an irgendeiner Stelle gesteuert, reguliert. Aufgrund eines sehr hohen Bedarfes an Werktätigen fanden dennoch mehr Schüler ihren Traumberuf als es heute möglich ist.

Und wer in der Schule nicht genug aufgepasst hatte, konnte über den Umweg „Unteroffizier bei der NVA“ seinen Weg gehen. Wer heute der ehemaligen DDR eine Behinderung der persönlichen Entfaltung des Individuums anheftet, berichtet nicht objektiv. Sicherlich wurden vorbestrafte DDR Bürger genau sowenig überall eingestellt wie in der BRD. Und bestimmt wurde ein „Andersdenkender“ nicht ausgerechnet als Lehrer zugelassen, so wie sich auch heute Firmen aussuchen, welche Persönlichkeit in ihr Unternehmen passt. Generell kann jedoch gesagt werden: In der DDR konnte sich jeder Schüler selbst seine Ausbildung wählen und jeder Schüler bekam vor allem auch eine Ausbildung. Nach der Ausbildung stand es den jungen Facharbeitern frei, den Betrieb zu wechseln, einen zweiten Beruf erlernen oder sich nach einigen Jahren der Praxis auf Staatskosten zum Meister zu qualifizieren, was gern gesehen wurde.

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nokiland ist Web-Designer und -Programmierer. Er arbeitet freiberuflich als Entwickler und Webmaster diverser Infotainment Webseiten.


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