17.06.10 | nokiland (195) Gab es eine Mangelwirtschaft in der DDR?

Themen | Alltag

Gab es eine Mangelwirtschaft in der DDR?

Die DDR war durchsetzt von einer Mangelwirtschaft, sagt man. Aber woran erkennt man eine Mangelwirtschaft und wo ist die Grenze zur heutigen Überflussgesellschaft?


Einkaufsbummel
Einkaufsbummel 
Foto:RSM 

„Mangelwirtschaft“ ist eine Begriffsbildung der westlichen Propaganda oder zumindest politischer verzerrung, was wir zuerst festhalten müssen. Betriebswirtschaftler reden von Käufermarkt und Verkäufermarkt, zwei extremen Marktsituationen. Die DDR wird als klassisches Beispiel für einen reinen Verkäufermarkt betrachtet, was vor allem auf die Wirtschaftsordnung (Zentralverwaltungswirtschaft) zurückzuführen ist.

In der BRD und dem wiedervereinigten Deutschland, regiert ein Käufermarkt der sich durch folgende Faktoren auszeichnet:

  • Das Angebot übersteigt die Nachfrage
  • Der Bedarf ist nicht dringlich, da er zeitlich verschiebbar ist
  • Der Verkäufer ist vom Käufer abhängig
Auch heute gibt es noch partielle Verkäufermärkte in Deutschland, wie sie in der DDR als Mangelwirtschaft bezeichnet wurden. 

Gut, genug der Theorie und betriebswirtschaftlicher Spitzfindigkeiten. Welche lebensnotwendigen Versorgungsengpässe gab es in der DDR wirklich? Liefen wir schlampig herum und trugen nur gebrauchte ? Hatten wir zuwenig Essen um uns gesund zu halten? Konnten wir unseren Kindern keine Schulmaterialien kaufen? Oder konnten wir nur 2x im Jahr ins Kino, Theater oder dem Zirkus gehen, weil man „Schlange“ stehen mußte?


Volles Schaufenster eines HO-Delikatladen
Volles Schaufenster eines HO-Delikatladen 

Alles Blödsinn. Wir lesen im Internet, daß es 40 Jahre lang in der DDR keine Bananen gab und wir darum jetzt mehr Bananen essen. Erstens gab es bei uns Bananen, wenn auch nicht jeden Tag und zweitens ist uns die Banane schon lange vergangen. An „West-Jeans“ kam man immer heran, wenn auch über Beziehungen, mal billiger, mal teuerer. Von wegen es gäbe im Winter kein frisches Gemüse. Haben wir 8 Monate im Jahr nur Nudeln, Tütensuppen, Konserven oder Linsen gegessen? Nein. Wo war nun der sogenannte „Mangel“. Im Bereich Technik? Nein. Die Läden waren voll von Farb-TVs, hochwertiger HiFi-Technik. Ein Mangel an Autos und Computer? Neue Autos: „Ja“, Gebrauchte  oder wenige Monate Alte: „Nein“. Schmökert bitte in den Original-Kleinanzeigen aus dem Jahr 1989. Was allein in Leipzig täglich in Sachen PKW und Technik weg ging, deckte den Bedarf. Wäre es nicht so, stünden die Anzeigen nicht in der Zeitung. Wenn man das nötige Geld hatte, wie auch heute, hatte man immer eine „Quelle“. Bei uns gingen Opels, West-Computer oder ein Golf genau so über den Tisch wie im westlichen Teil. Der Markt war da, die Angebote waren da. Aber man brauchte auch das nötige Kleingeld. Und wer nicht genug Geld hatte ... das kennen wir ja von heute. Ich kann mir im heutigen Deutschland auch nicht alle 5 Jahre ein neues Auto leisten.


Trotz Mangelwirtschaft ordentlich bekleidet
Trotz Mangelwirtschaft ordentlich bekleidet 

An was ich mich aber erinnere: Holz gab es kaum. Ich hatte handwerkliche Ambitionen, wollte basteln und bauen. Aber Holz gab es nicht wie heute in Baumärkten. Ab und zu in einem Eisenwarenmarkt mal ein paar Holzleisten oder Reste. Minderwertig. Also: ich ging zu den Tischlereien und fragte nach Holzresten. Als Kind bekam ich kostenlos ein bißchen Holz zum Basteln. Und als ich größer wurde, blieb da halt ein Zehner im Betrieb und alle freuten sich über die Kaffeekasse.

Haselnuß-Creme gab es hingegen immer, wenn auch für einiges Geld im Delikatladen. Die Haselnuß-Creme war aber kein Opfer der Mangelwirtschaft, sondern Teilnehmer am Verkäufermarkt. Es gab Haselnuß-Creme genug, wenn man sie sich leisten konnte. Es gibt heute ja auch genug echten Kaviar - wenn man das nötige Kleingeld hat. Oder regt sich jemand auf, dass im normalen Supermarkt nur billiger „Kaviar Ersatz“ steht, im Exquisiten Fachgeschäft der echte Russische Kaviar aber nur für ein paar Hundert Euro die Dose zu haben ist? Nein.


Zeitungsanzeige für Lagerverkauf - Handwerkzeug kistenweise
Zeitungsanzeige für Lagerverkauf - Handwerkzeug kistenweise 
Foto:Maecker 

Werkzeugmaschinen für den Hobbybedarf gab es weniger. Wenn man einen Drechselaufsatz für die Handbohrmaschine sah, sollte man gleich zugreifen.Denn am nächsten Tag war die Ware sicher ausverkauft. Es war aber nicht so, dass es generell viele Produkte nicht im Laden zu kaufen gab - es gab sie nur nicht täglich im Regal und bei einigen Produkten mußte man eben warten. Heute ist es sicher nicht vorstellbar, dass man nicht zu jeder Zeit in den Laden gehen konnte und alles bekam. Damals war das kaum ein ernstes Thema, es war schließlich der Alltag, in den man hineingeboren wurde. Man richtete sich ein, kam mit der Versorgung klar.Von Mangelwirtschaft redeten wir nicht, es gab halt „Engpässe“ in der Produktion, aber keinen „Mangel“. Ich weiß noch, wie vor einigen Jahren eine Fabrik für Speicherschaltkreise abbrannte. Es war eines der Größten. Die Folge: Engpaß in der Produktion, die Preise für RAM stiegen um über das Doppelte an. Der Hersteller kam mit der Produktion nicht hinterher und es entstand ein Verkäufermarkt weltweit. Von Mangelwirtschaft redete aber niemand.

Die Versorgung der Bürger über den Umweg „Schwarzmarkt“ erfolgte durchaus über die Prinzipien der freien Marktwirtshaft. Angebot und Nachfrage regelten die Preise dessen, was man unter der Hand bekam. Und „unter der Hand“ oder dem „Schwarzmarkt“ gab es wirklich alles. Es mangelte offiziell an Ziegelsteinen - aber sein Haus hat zu DDR Zeiten noch Jeder fertig bekommen.

Gab es eine Mangelwirtschaft in der DDR? Facebook
Teil 1: Gab es eine Mangelwirtschaft in der DDR?
Teil 2: Preispolitik und Prioritäten


Über den Autor:
nokiland ist Web-Designer und -Programmierer. Er arbeitet freiberuflich als Entwickler und Webmaster diverser Infotainment Webseiten.


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09.12.11
18:59 Uhr
Schmidt sagt:
“Im Auftrag des Großen Bruders“ von Thomas Schmidt, Autobiografie, AAVAA-Verlag, Berlin, ISBN 9783862545513 Zu Ihrer Überschrift/Frage "Gab es eine Mangelwirtschaft in der DDR?" Sehr geehrte Damen und Herren, “Im Auftrag des Großen Bruders“ sind Gründe des Niedergangs der DDR, ihre militärische Stellung im Warschauer Vertrag, Hegemonie der ehemaligen Sowjetunion und damit verbundene Probleme in der Wirtschaft aufgeführt. Die Auswirkungen sind heute noch erkennbar. Nicht zu kurz kommt die Arbeit des MfS. Sie erfahren auch, wie seine flächendeckende Überwachung der Bevölkerung zustande kam. Handlungsorte oder Gebiete mit wichtigen Militärbauvorhaben im Rahmen des Wettrüstens - genannt werden nur einige: Tessin, Straußberg/Harnekop, Calau, Fürstenwalde oder Bunker 302 Eichenthal, Fertigstellung „kurz vor Toresschluss“, also 1988. Diese Investition war wohl einer der empfindlichsten Schläge ins Kontor der DDR-Wirtschaft. Die kleine Republik war mit militärischen Standorten übersät, atomare Schutzbauwerke wuchsen wie Trüffel – kaum einer wusste von den verbauten Milliarden, zumal militärische Baumaßnahmen zum Teil unter die geheime Verschlusssache fielen und somit nur ein sehr kleiner Personenkreis informiert war. Auch die Mauer diente der Geheimhaltung … Klappentext des Buches: Thomas Schmidt wird neben der Industrie auch auf militärischen Vorhaben der DDR eingesetzt. Bedingung ist, dass keine Kontakte in die Bundesrepublik Deutschland bestehen. Von Abenteuerlust getrieben plant Schmidt, in die BRD auszuwandern. Er gerät in das Blickfeld der Staatssicherheit, doch sein häufiger Ortswechsel als hausgemachte Freiheit macht das Observieren fast unmöglich. Schmidt leistet seinen Grundwehrdienst und studiert Bauwesen. Die Richtung für seine Tätigkeit als Bauleiter legt der Staat fest. Das erste Objekt ist eines der Armee,. Irgendwann erfolgt der Einsatz auf Vorhaben mit besonderer Geheimhaltung. Es handelt sich um die Führungs- und Atombunker der NVA ... Th. Schmidt
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