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Mauer, Wende, Einheit
Jahrzehnte später - Ein Schlüssellochblick aus dem Westen
Was eigentlich hat es mit der ehemaligen DDR und ihren Menschen auf sich, die nun schon so lange Zeit die „neuen Bundesländer“ genannt werden. Das erste Gefühl, das mich dabei beschlich: Ich habe gar keine klare Meinung dazu. Als Westlerin stand ich plötzlich etwas hilflos vor dieser Frage, die sich mir stellte.
Und ich will nicht verhehlen, es war ein unangenehmes Gefühl so wenig zu wissen. Was also könnte ich spontan zwar als Zeitzeugin dieses unglaublichen Geschehens der Wiedervereinigung sagen, die selbst nicht vor Ort war, aber es hoch interessiert und berührt durch die Bildermacht der Medien vor allem erlebte?
Als sie sich ereignete, nein, friedlich und mutig erkämpft wurde, befand ich mich im gleichen kollektiven Taumel wie der Rest der gesamtdeutsch werdenden Republik in spe. Das Gefühl war ein überpersönliches Glück, das zu Tränen rührte, weil es das Menschliche betraf. Die Bilder der Freude waren zu mächtig und prägten sich ins Blut ein. Überall Begeisterung und Hochstimmung darüber, dass die Menschen in der DDR nun auch in den Genuss von Freiheiten kamen, die sie nicht nur schon lange ersehnten, sondern auf hartnäckig-unbeugsame Art ohne Waffen und Gewalt durchsetzten. Die Waffen waren die Drohung der Gegenseite, die sich letztlich als schwächer erwiesen als der friedliche Volkswille. All das ist Geschichte vom Feinsten und schon wieder so lange her.
Dass die voreiligen Versprechen nicht haltbar waren und heute finanziell und politisch alles hinterher hinkt, haben wir gut meinenden Politikern ohne Weitblick zu verdanken. Gut meinen und gut tun, politisch vortrefflich reden und Versprechen geben sind Zustände, die oft die Symbiose verweigern und sich später dann in Abwahlen niederschlagen. Niedergeschlagen ist auch jener Teil der ostdeutschen Bevölkerung, der zu den Verlierern gehört. All die vielen Milliarden kamen keineswegs immer dort an, wo sie sinnvoll verwendet werden sollten. Bereicherungen allerorten, von Westlern und Cleverlis aus dem Osten gleichermaßen. Wer an den finanziellen Segnungen seinen fetten Schnitt vorteilhaft machte, war weniger lokal, als vielmehr charakterlich festzumachen: Geldgierige ohne Gemeinschaftssinn, raffinierte Raffkes, die die öffentliche Abzocke legal und illegal perfekt beherrschten…. Menschen mit hohen und gar keinen Ämtern. Was zählte war der Durchblick… gepaart mit einer gewissen Skrupellosigkeit. Und diese Sorte Mensch ist universell in jedem Volk vertreten und tritt zum Absahnen an. So auch hier, zuverlässig und wirkungsvoll.
Dennoch wurde viel erreicht. Dass es nach zwei Jahrzehnten immer noch nicht reicht, dass es immer noch Ungerechtigkeiten gibt, die nicht nur die Entlohnung der Menschen bei gleicher Arbeit betreffen, sind Punkte, an denen weiter zu arbeiten ist. Es ist wichtig für den sozialen Frieden, dass auch Gerechtigkeit hergestellt wird.
Doch man hüte sich davor, von paradiesischen Zuständen ein zweites Mal zu träumen und wieder enttäuscht zu werden. Wir müssen uns vor Augen halten, dass nicht nur die DDR ihre massiven Fehler und Schwächen hatte, ihre brutalen und unmenschlichen Seiten, sondern dass der westliche Kapitalismus auf seine Art da ebenso hart zuschlagen kann – auch wenn es gesellschaftlich auf andere Weise geschieht, die uns auf den ersten Blick vielleicht weniger brutal vorkommen mag. Das alles gehört zur öffentlichen Seite.