Themen | Mauer, Wende, Einheit
Rolle vorwärts und zurück
40 Jahre DDR prägten ein Volk mit eigenem Bewusstsein und Selbstverständnis. 40 Jahre lassen sich nicht einfach wegwischen und vergessen. Sie hinterlassen Spuren - im Leben der Menschen und in den Geschichtsbüchern.
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Demonstration 1989 in Rostock
Foto:Jürgen Sindermann / Bundesarchiv
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Anfang Sommer 1989 breiteten sich Informationen zu erfolgreich über Ungarn geflüchtete DDR Bürger aus. Ungarn traf die Entscheidung, nicht mehr gezielt auf Grenzgänger zu schießen. Wurden welche „erwischt“, nahm man sie fest und transportierte sie auf Staatskosten nach Budapest, wo sie sich selbst überlassen waren, aber nicht in die DDR ausgeliefert wurden. Ich selbst war so ein „Fall“. Mit einem Freund ging es im Juni 1989 illegal von der CSSR nach Ungarn, bei Nacht und Nebel durch die Donau. Der erste Fluchtversucht verlief erfolglos. Vor der Botschaft der BRD in Budapest sammelten sich damals hunderte Leute, campten auf dem staubigen mit Sträuchern besetzten Wegrand, die Basis für neue Fluchtversuche. Jeder tausche Informationen mit Anderen aus, wo es nicht klappte, regelmäßig schlossen sich Leute zu „Reisegruppen“ zusammen und versuchten einen erneuten Versuch. Vielen gelang es letztendlich. Alois Mock, damals Außenminister der Republik Österreich, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn, zerschnitten am 27. Juni 1989 den Stacheldraht an der österreichisch-ungarischen Grenze, Fotos und Fernsehberichte dieser symbolischen Grenzöffnung gingen um die Welt und standen für den Fall der „Eisernen Mauer“. In der DDR generierte diese Entwicklung ein Nachdenken in der Bevölkerung aus. Über Nacht hauten DDR Bürger über Ungarn „offiziell“ in den „Westen“ ab. Die Regierung der DDR konnte nicht viel dagegen tun. Für Reisen nach Ungarn wurden keine Visa mehr ausgestellt, aber das hinderte niemand daran illegal von der CSSR nach Ungarn zu reißen. Die Behörden der CSSR sahen keinen großen Handlungsbedarf, sich als Handlanger der DDR Führung aufzuspielen. In der DDR wollte aber nicht jeder sein Land verlassen. All die Demonstranten waren grundsätzlich zufrieden mit ihrem Staat DDR, ihrem Leben, die Absicherung, das soziale Engagement der Staatführung. Sie hätten auch „flüchten“ können, wie all die Anderen. Aber sie forderten mit „Wir sind DAS Volk“ eine Wende in der DDR Politik, kein Recht auf Auswanderung. Sie wollten in der DDR bleiben und für eine Änderung der Innenpolitik kämpfen. | |  Leipzig: Montagsdemonstration Foto:Friedrich Gahlbeck / Bundesarchiv | | |
Was waren die Hoffnungen der Demonstranten? Sie hatten vieles was heute erneut erkämpft und erarbeitet werden muss: Absicherung in allen Bereichen des Lebens. Aber sie wollten nicht mehr eingesperrt sein. Sie wollten verreisen und wieder zurück kommen dürfen. Sie wollten ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Staates erlangen, nicht nur auf dem Papier und im Grundgesetz. Sie wollten die 1971 von Erich Honecker deklarierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ einfordern, eine Verbesserung der Lebensumstände. Auf eine Wiedervereinigung "hofften“ die Bürger nicht. Warum auch? Wer wollte denn schon allen Ernstes sich mit dem Elend der damaligen BRD vereinigen, Arbeitslosigkeit, Armut, Drogen, Verrohung der Gesellschaft, Rassenhass. Die ersten Demonstranten waren noch die „echten“ Demonstranten. Sie wollten keine Bananen, West-Autos oder WC-Papier mit Duftnote. Sie wollten einfach nur die DDR verbessern, viele Übel ausmerzen. Sie wollten das soziale Engagement der DDR behalten, die Bevormundung des Staates hingegen minimieren. Das waren die Ziele der wahren Revoluzzer. Eine sichere Welt freier gestalten.
| Teil 1: |
Rolle vorwärts und zurück |
| Teil 2: |
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Über den Autor: nokiland ist Web-Designer und -Programmierer. Er arbeitet freiberuflich als Entwickler und Webmaster diverser Infotainment Webseiten.
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